KI-Strategie

KI-Strategie im Mittelstand: Was STORZ richtig macht – und was alle davon lernen können

Die meisten Bauunternehmen reden über KI. Sie besuchen Messen, hören Vorträge, testen ein paar Tools. Und dann passiert: nichts. Oder zumindest nichts Dauerhaftes.

STORZ aus Tuttlingen macht das anders. Das mittelständische Straßenbauunternehmen hat seine KI-Strategie kürzlich in einem ausführlichen Interview öffentlich gemacht. Was dabei auffällt: Kein Hype, keine großen Versprechen. Stattdessen: konkrete Maßnahmen, ehrliche Einschätzungen, messbare Ziele.

Ich finde das bemerkenswert. Und ich möchte einordnen, warum.


Wer ist STORZ?

Die Firmengruppe J. Friedrich Storz ist ein mittelständisches Unternehmen im Verkehrswegebau mit Sitz in Tuttlingen. Kein Tech-Konzern. Kein Startup. Ein Bauunternehmen, das Straßen, Erschließungen und Neubaugebiete baut – vor Ort, mit Mannschaft, mit Maschinen.

Genau deshalb ist dieser Artikel relevant. Wenn ein Unternehmen wie STORZ KI strukturiert einführt, dann ist das kein Luxusprojekt aus dem Silicon Valley. Das ist ein Signal für die gesamte Branche.


Was STORZ richtig macht

1. Strategie vor Tool

STORZ hat nicht einfach ein KI-Tool eingekauft und verteilt. Vier Personen treiben das Thema strukturiert: beide Geschäftsführer, der IT-Bereichsleiter und ein Bauleiter Digitalisierung. Das ist kein Zufallsprojekt. Das ist Verantwortung auf Führungsebene.

Wer KI als reines IT-Thema behandelt, scheitert. STORZ hat das verstanden.

2. Schulung zuerst – und zwar richtig

Über 60 Führungskräfte wurden geschult, bevor das Tool in den Alltag kam. Der Fokus lag dabei nicht auf spezifischen Funktionen, sondern auf der Methodik: richtig fragen, also prompten. Geschäftsführer Markus Elsen beschreibt das Ergebnis so: „Es ist fast eine Art Euphorie ausgebrochen und jeder hat beim Thema KI mitdiskutiert."

Das ist kein Zufall. Wer Menschen abholt, bevor er sie überrollt, bekommt Akzeptanz statt Widerstand.

3. KI dort einsetzen, wo Papier auf Prozess trifft

Das ist aus meiner Sicht der stärkste Punkt – und gleichzeitig der, der in der öffentlichen KI-Debatte am meisten unterschätzt wird.

STORZ setzt KI gezielt dort ein, wo große Mengen an Dokumenten auf wiederkehrende Prozesse treffen. Zwei Beispiele machen das sehr greifbar:

Angebotserstellung und Kalkulation: Geschäftsführer Tobias Mayer beschreibt, dass die KI die schnelle Analyse großer Datenmengen bei Vergaben ermöglicht – hunderte Protokolle, die früher manuell durchsucht werden mussten, liefern heute auf Knopfdruck fertige Auswertungen. Das Ziel bis 2030: eine vollständig KI-gestützte Kalkulation. Und der messbare Effekt heute: In der gleichen Zeit lassen sich doppelt so viele Angebote schreiben.

Massenermittlung: Bei Großprojekten werden sämtliche Unterlagen eingelesen. Markus Elsen bringt es auf den Punkt: „Da hat man innerhalb einer Minute sämtliche Massen. Früher hat man dafür einen halben Tag gebraucht."

Eine Minute statt einem halben Tag. Das ist kein Effizienzgewinn. Das ist eine andere Größenordnung.

Genau dieser Hebel – KI auf Dokumenten und Belegen, die bisher manuell verarbeitet wurden – ist es, den ich in meinen vorigen Artikeln zur Nachkalkulation und Belegerfassung sowie zur Datenhoheit in der Baubranche beschrieben habe. STORZ lebt diesen Ansatz bereits in der Praxis.

4. Datensouveränität als Prinzip

STORZ nutzt ein eigenes KI-Modell auf Basis von GPT-5: STORZ-GPT. DSGVO-konform, auf eigenen Servern, Daten verbleiben im Unternehmen. IT-Bereichsleiter Fabian Schwager bringt das Ziel klar auf den Punkt: „Eine unternehmensinterne KI zu schaffen, die auf eigenen Dokumenten und Erfahrungswerten basiert."

Der Instinkt ist richtig. Und dazu gleich mehr.

5. Wissensarchiv: Erfahrung digitalisieren

Ein oft unterschätzter Anwendungsfall. STORZ will das Erfahrungswissen ausscheidender Mitarbeiter für jüngere Generationen abrufbar machen. Sascha von Au, Bauleiter Digitalisierung, beschreibt das als langfristiges Ziel: individuelle Lösungen und Erfahrungen dokumentieren und zugänglich machen.

In einer Branche mit massivem Fachkräftemangel ist das mehr als ein nettes Feature. Das ist Überlebensstrategie.

6. Ehrlichkeit über Grenzen

Was mich am meisten beeindruckt: STORZ redet nicht schön. „Auf keinen Fall blind vertrauen", sagt Fabian Schwager. KI könne halluzinieren, falsche Informationen liefern. Menschliche Erfahrung und Kompetenz bleibe entscheidend.

Das ist Reife. Wer so über KI spricht, hat sie wirklich eingesetzt – und nicht nur darüber nachgedacht.


Datensouveränität konsequent zu Ende denken

STORZ hat den richtigen Instinkt: Daten gehören ins Unternehmen, nicht irgendwo ins Internet. Das ist der Ausgangspunkt. Aber es lohnt sich, diesen Gedanken weiter zu führen.

Denn nicht alle Wege zur „eigenen KI" sind gleich souverän. Eine einfache Orientierung in drei Stufen:

Stufe 1 – OpenAI API direkt: Die Anfragen und Daten gehen direkt auf US-amerikanische Server von OpenAI. Auch wenn kein Training mit den Daten stattfindet – die Verarbeitung läuft außerhalb der EU. Für sensible Unternehmensdaten keine empfehlenswerte Lösung.

Stufe 2 – Azure OpenAI Service mit EU-Region: Microsoft betreibt OpenAI-Modelle in europäischen Rechenzentren (z.B. Schweden, Frankreich, Deutschland). Die Datenverarbeitung findet in der EU statt, kein Training mit eigenen Daten, DSGVO-konformer Auftragsverarbeitungsvertrag möglich. Das ist deutlich besser – und für viele Unternehmen ein pragmatisch solider Weg. Aber: Microsoft ist ein US-Unternehmen und unterliegt dem CLOUD Act. Theoretisch bleibt ein Restrisiko.

Stufe 3 – Open-Source-Modell auf EU-Infrastruktur: Ein quelloffenes Sprachmodell (z.B. Mistral, Llama) läuft auf einem EU-gehosteten oder On-Premise-Server. Keine Abhängigkeit von US-Anbietern, keine Lizenzkosten, volle Kontrolle über Modell und Daten. Das ist echte Datensouveränität.

STORZ ist auf einem guten Weg. Der nächste konsequente Schritt – gerade für ein Unternehmen, das 6.000 Projektakten mit sensiblen Kalkulationsdaten digitalisiert – wäre Stufe 3. Nicht als Kritik. Sondern als Einladung, den eigenen Anspruch konsequent zu Ende zu denken.


Was Sie daraus mitnehmen können – unabhängig von Ihrer Unternehmensgröße

STORZ ist kein Konzern. Aber STORZ hat Ressourcen, die nicht jeder hat: zwei Geschäftsführer, die das Thema persönlich treiben, einen IT-Bereichsleiter, einen dedizierten Bauleiter Digitalisierung. Was also nehmen Sie als kleineres Unternehmen mit?

Fangen Sie mit dem größten Papierstapel an. Wo in Ihrem Betrieb liegen Dokumente, die regelmäßig manuell durchsucht, übertragen oder ausgewertet werden? Lieferscheine, Aufmaße, Protokolle, Angebote? Genau dort ist der Hebel am größten – und der Effekt am schnellsten messbar.

Schulung ist keine Kür, sondern Pflicht. Wer sein Team nicht mitnimmt, bekommt keine Nutzung. Und ohne Nutzung kein Ergebnis. Das kostet nicht viel – aber es kostet Zeit und Aufmerksamkeit der Führung.

Datensouveränität von Anfang an denken. Welche Daten geben Sie in welches System? Das ist keine IT-Frage. Das ist eine unternehmerische Entscheidung.

Setzen Sie sich ein konkretes Ziel mit Zeitraum. STORZ hat „KI-gestützte Kalkulation bis 2030" definiert. Das ist keine Garantie – aber es ist ein Kompass. Ohne Kompass treiben Sie.


Fazit

STORZ zeigt, dass KI-Einführung im Mittelstand kein Hexenwerk ist. Es braucht keine eigene KI-Abteilung, kein riesiges Budget, keine Konzernstruktur. Es braucht Führung, die das Thema ernst nimmt. Einen klaren Startpunkt. Und den Mut, anzufangen – bevor alles perfekt ist.

Wenn ein Straßenbauunternehmen aus Tuttlingen das strukturiert hinbekommt, dann können Sie es auch.

Wer diesen Strategieprozess nicht alleine aufsetzen möchte – von der ersten Standortbestimmung bis zur produktiv laufenden Lösung – kann sich gerne bei mir melden. Genau das ist die Arbeit, die ich mit mittelständischen Unternehmen in Bau und Fertigung mache.

→ Erstgespräch vereinbaren


Quelle: STORZ-Strategie Digitalisierung: Mit KI auf dem Weg in die Zukunft, storz-tuttlingen.de